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Predigt am 9. Oktober zu Klagelieder 3

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,

also ich kann das gar nicht. Ich kann Ihnen keinen Mut machen. Ich kann es probieren, aber ich kann es nicht machen. Mut machen, im Sinn von machen, von herstellen und erzeugen. Das kann ich nicht. Einen Kuchen kann man so backen. Zucker und Butter schaumig schlagen, Mehl, Backpulver und Eier dazu rühren. Das sollte doch gelingen. Aber Mut kann ich eben auf diese Art und Weise nicht machen. Oder hilft das Ihnen:
• Mensch, das war doch nicht so tragisch!
• Das nächste Mal schaffst du das!
• Sogar ein blindes Huhn pickt noch ein Korn!

Ich kann das nicht. Ich kann Ihnen, wenn Sie trostlos sind, keinen Mut machen.
Ich kann Ihnen aber einen Film zeigen. Den muss ich Ihnen zeigen, weil ich ihn in dieser Woche gesehen habe! Schauen Sie mal:

 

 

 

Ist das nicht völlig verrückt? Dass diese Eidechsen, genannt Basilisken über das Wasser rennen können? Das tun sie zwar nur in Ausnahmefällen, wie z. B. bei der Flucht vor Feinden. Und es ist auch kein Wunder! Ermöglicht wird dies durch den Stau von Luft in Mulden unter den Füßen, sowie durch die extrem hohe Geschwindigkeit. Aber gerade dieser Fähigkeit werden die Tiere auch als "Jesus-Christus-Echse" bezeichnet. Denn der ist ja auch über das Wasser gelaufen.

Macht das Mut? Also es macht mich jedenfalls heiter und wenn ich lachen muss, werde ich oft schon etwas weniger schwermütig. Es geht mehr als man erwartet hat. Es gibt noch einen Weg – auch wenn es ein Fluchtweg über das Wasser ist!

Ich kann keinen Mut machen, aber ich kann darauf vertrauen, dass Worte der Bibel, dass Gottes Worte das können. Dass sie Bilder für die Seele sind, die neue Kraft geben. Ich lese uns die Worte des Predigttextes aus dem Buch der Klagelieder Jeremias:

Klagelieder 3, 22-26. 31-32
3,22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar
aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
3,23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine
Treue ist groß.
3,24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine
Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
3,25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf
ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
3,26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und
auf die Hilfe des HERRN hoffen.

3,31 Denn der HERR verstößt nicht ewig;
3,32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich
wieder nach seiner großen Güte.

Nicht gar aus.
Das sind die kantigen Worte der Übersetzung Martin Luthers.
Nicht gar aus. Nicht ganz und gar aus, bedeutet das. Es gibt noch einen Weg, es geht noch was. Es ist noch nicht vorbei.

Jetzt ist es aus, könnten Leute sagen.
Als das 3 zu 1 fällt, verlassen enttäusche Fans schon in der 82. Minute das Stadion. Sie trauen der Truppe 2 Tore für den Ausgleich oder gar 3 Tore für den Sieg nicht mehr zu. Es ist doch schon aus.

Aber oft genug schon wurden diese Fans in ihrer negativen Hoffnung enttäuscht. Kaum haben sie das Stadion verlassen, hören sie hinter sich den Jubel und machen sofort im Auto das Radio an und hören den Reporter sagen „Unglaublich, wer mir das vor 10 Minuten prophezeit hätte, den hätte ich verrückt erklärt. In 10 Minuten drei Tore. Und nun ist das Spiel aus.“ Nun ist dicke Luft im Auto der vorschnell Hoffnungslosen!

Es ist nicht gar aus.

Aber das weiß ich.
Es sind Leute hier, die trauern um einen lieben Menschen. Und wer mich reden hört, würde sagen: Aber hier ist doch wirklich ganz und gar aus. Was redest du? Der Tod ist endgültig. Schluss der Möglichkeiten. Man könnte noch denken, hätten wir doch früher, oder wenn wir das gewusst hätten, hätten wir, - aber das ändert doch nichts mehr daran. Die Uhr drehen wir nicht zurück. Der Tod ist das große Aus, die Ausweglosigkeit.

Ich weiß, ich kann keinen Mut machen. Ich kann nur die Bilder der Bibel vor Augen halten und hoffen, dass Gott selbst Mut macht.
Er kann das und er tut es auch.

3,22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar
aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
3,23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine
Treue ist groß.

Das sind Worte, die versuchen den Blick zu wenden. Die Stadt Jerusalem ist zerstört. Tausende sind im Angriff der Babylonier umgekommen. Tausende in die Sklaverei geführt und alles was die Deportierten haben, ist ihr Leben und die Hoffnung. Eben in diese Situation hinein diese Klagelieder, die an entscheidender Stelle Hoffnungslieder sind.

3,25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf
ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
3,26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und
auf die Hilfe des HERRN hoffen.

Harren, geduldig sein und hoffen. Das sind keine Worte, die abschwächen und abwiegeln. Das ist kein „alles halb so wild“, kein „du musst doch mal das Gute sehen“, kein „wird schon wieder“. Das wirkt kraftlos. Es ist das heftige Wissen, dass die eigenen Möglichkeiten aus sind und Gottes Möglichkeiten doch größer sind.

Menschen, die Menschen verlieren, die sie geliebt haben, haben ja oft den Eindruck, dass mit dem Tod des geliebten Menschen auch das eigene Leben schon zu einem gehörigen Teil gestorben ist. Ja, das ist so und wenn die Liebe zu diesem Menschen ein Teil des Lebens war, ist aus dem eigenen Leben etwas herausgerissen und offene Wunden bleiben. Und solche Wunden brauchen Zeit und zu schnelle Sprüche wirken nicht nur billig und wirkungslos, sie tun auch weh.

3,31 Denn der HERR verstößt nicht ewig;
3,32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich
wieder nach seiner großen Güte.

Dass man das Schwere nicht kaschiert, sondern Gott entgegenhält. Dass man ihn für das Leid auch verantwortlich machen, sich bei ihm beschweren kann, das Schwere bei ihm ablegen kann, das sagt die Bibel hier und an vielen Stellen.


 

Und dann können Gottes Worte wirken und Mut machen.

3,22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar
aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
3,23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine
Treue ist groß.

Sie können wirken wie das Bild der aufgehenden Saat. Das Bild ist nicht im Frühling, sondern vor Kurzem auf der schwäbischen Alb entstanden. Es ist die Wintersaat, die aufgeht, die jetzt schon weiß, es wird noch kalt werden, es wird noch kälter, aber das halte ich aus. Wintergerste geht nun auf und übersteht den Winter.
Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. (2. Tim 1,10)

Maria und Martha, die Schwestern von Lazarus, der definitiv tot war – der Leichengeruch hatte sich schon ausgebreitet – hatten nur eine vage Hoffnung. Es wird irgendwie am Ende der Zeit eine Auferstehung geben. Dass diese Hoffnung aber konkret für ihren Bruder da ist und dass diese Hoffnung Ausdruck findet im Vertrauen zu Jesus Christus, der diese Auferstehung selbst ist – das war neu, das musste den Weg ins Herz erst noch finden.

Diese Hoffnung gilt, dass er selbst in Zeiten der Krise bei mir ist, den Blick wendet, mich auf Menschen schauen lässt, die still an meiner Seite stehen, und dich ich übersehen habe. Diese Hoffnung gilt. Diesen Mut kann ich nicht machen. Aber wir dürfen damit rechnen.

3,22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar
aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
3,23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine
Treue ist groß.

Amen.

 

(c) Andreas Klein 2011


 



 

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